Der
aktuelle Lesetext (18.3.10)
Messe
Morgen
gehts auf die Leipziger Buchmesse, ich sollte langsam mal die Tasche packen.
Aber was nehm ich mit? Ist wirklich nicht das erste Mal, dass ich auf eine
Messe fahre, aber ich bin eigentlich immer von der Messe weggefahren, wenn sie
begonnen hat und erst wieder hin, wenn sie zu Ende war. Oft war ich auch länger
auf der Messe, als die Messe eigentlich dauerte, und war doch während der
Messezeit nicht auf der Messe. Kurz gesagt, hab ich mal Messebau gemacht. Da wüsste
ich jetzt auch, was ich in die Taschen packen sollte: Akkuschrauber, Kreissäge,
Stichsäge, Ratschen, Hammer, Tacker und Zangen. Die kann ich jetzt nicht
gebrauchen, obwohl eine kleine Ratsche mit den gängigen Schlüsseln und Bits für
die vertrauten Standsysteme ist vielleicht doch nicht verkehrt. Ich würde damit
natürlich keinen der Messestände an empfindlicher Stelle locker schrauben,
sondern nur hier und da mal was festziehen, was mir locker erscheint.
Natürlich
brauche ich die Ratsche nicht, aber ohne Ratsche auf die Messe zu fahren ist
wie im Badehose in die Kirche zu gehen. Wenn ich daran denke, zur Messe zu
fahren kommt ganz automatisch der Gedanke: vergiss bloß nicht die Ratsche. Ohne
Ratsche auf dem Messestand zu sein, ist wie eine Donald-Duck-Brotdose, wenn
alle Kinder auf dem Schulhof welche von Sponge-Bob haben. Obwohl ich ja eben
jetzt zu den Menschen gehöre, die ich sonst nie zu Gesicht bekommen hab und von
denen wohl kaum jemand eine Ratsche in der Taschen haben wird. Vielleicht will
man mir die Ratsche am Eingang sogar abnehmen, weil der Metalldetektor
anschlägt.
"Was
haben Sie denn da in der Tasche?"
"Eine Ratsche."
"Und
was wollen sie mit der Ratsche."
"Nichts
spezielles, aber im allgemeinen etwas fest oder lose schrauben, bzw.
ratschen."
"Aber
das ist eine Buchmesse, da werden sie die Ratsche nicht brauchen und Waffen
dürfen sie nicht mit hineinnehmen."
"Das
ist aber ein Werkzeug und keine Waffe."
"Alle Waffen sind
Werkzeuge."
"Aber
nicht alle Werkzeuge sind Waffen."
"Lesen Sie Krimis?"
"Selten."
"Alle
Werkzeuge können Waffen sein, bitte geben sie die Ratsche ab."
"Aber
es ist sogar nur eine kleine Hosentaschenratsche, Handratsche, da ratscht man
niemanden nicht mal ein Auge aus."
"Kann ich trotzdem nicht
erlauben."
"Okay,
es ist zwar ein Werkzeug, aber für mich ist es jetzt wie ein Maskottchen, ja?
Wie ein Glücksbringer, andere Leute bringen die Teddybären ihrer Kinder mit
oder sonst was für Zeug, was sie an irgendwas erinnern soll, Schlüpfer der
letzten Nacht, und für mich ist das eben eine Ratsche."
"Ich
schreib mir mal Ihren Namen auf, wenn hier irgendwo was illegal geratscht
wurde, entkommen Sie Ihrer gerechten Strafe nicht."
"Sehr freundlich."
In
Leipzig war ich nie zum Messebau, glaube auch, dass es früher immer hieß, bei
der Buchmesse werde eh nicht so aufwändig montiert. Warum auch, im Prinzip muss
nur möglichst viel schräge Fläche für die Bücher her, außerdem Tische zum
Hochstapeln und vielleicht noch eine kleine Bühne für die nuschelnden Autoren.
Große Bildschirme, Rennwagen, Lasershows, Hostessen-Schaumbäder, alles nicht
angebracht, obwohl so eine Miniaturausgabe vom Berghain am Ullstein-Stand hätte
ja möglicherweise was. Mal sehen, wen ich überhaupt alles sehe, aber allzu
viele Autoren erkennen ich ja vielleicht doch nicht. Vielleicht seh ich ja
einen bekannten Monteur von früher, einer pro größerem Stand wird zur Betreuung
immer mal abgestellt und sollte der für ein Problem grad keine Ratsche zur Hand
haben, kann ich behilflich sein. Vielleicht hat er ja irgendwo Bier hinter der Wandverkleidung
und ein nettes Plätzchen zum Rauchen, und kann mir das Schraubenloch für den
Blick in die Hostessen-Umkleide zeigen.
Nach
der Messe war immer noch interessanter als vor der Messe. Durchgetrampelter
Teppichboden überall und herumflatternde Prospekte, Partyreste und auf kleine
Zettel geschriebene Telefonnummern. Lippenstift an Prosecco-Gläsern. Wenn man
zum Abbau fuhr, war es immer besser ein halbwegs leeres Auto mitzunehmen, damit
es als möglichst volles zurückfahren konnte. Lan-Kabel, Stromkabel,
Lautsprecherkabel, Teppichboden, Holz bis zum Abwinken. Kaum hatte der letzte
Messebesucher die Stände verlassen, wurden von Spezialkommandos die wirklich
wertvollen Dinge wie große Flachbildschirme gesichert, alles Zurückgelassene
war dann Freiwild und wurde von uns gefleddert. In Leipzig bleibt sicher das
ein oder andere Buch zurück und landet beim Abbau in einer Werkzeugkiste.
Das
Leben mit der Ratsche ist ein schwieriges und oft Einsames, und so bin ich doch
froh, mal zur Messe zu fahren wenn sie läuft und nicht wie früher nach Hause zu
fahren, wenn sie anfängt. Wenn ich mir überlege, was ich eigentlich die drei
Tage auf der Messe sehen will, fallen mir allerdings verdächtige Sachen ein.
Vermutlich muss ich wirklich aufpassen, dass ich nicht immer neben die Bücher
auf die Verbindungen der Standstreben gucke. "Interessieren Sie sich für
dieses Buch?" "Eher für das Display darunter, könnten Sie mal kurz
die zehn Exemplare hier halten, damit ich sehen kann, wie es verschraubt
ist." Und wenn dann so ein Satz kommt wie: "Besser nicht, es scheint
nicht so ganz stabil und wackelt immer so nach links.", dann kann ich
meine Ratsche hervorziehen und sagen: "Das kriegen wir schon hin."