Hermann

 

Wir haben jetzt Hermann zu Hause. Hermann den Cherusker? Nein, nicht Hermann den Cherusker, sondern Hermann den Teig. Hermann den Kuchenteig, Hermann das Glücksbrot. Wir haben ihn, seit ich einen neuen Computer habe, der eigentlich ein alter ist. Aber ganz toll ist er, so unter uns, vor allem weil alles hineinpasste, was ich der fortschreitenden Technikbeschleunigung wegen schon auf dem riesigen Haufen Altedelmetalle abgelegt hatte - an dem vorbei ich kaum noch das Sonnenlicht der Seestraße sehen kann und der mein Arbeitszimmer ausfüllt. Ganz vorsichtig natürlich hatte ich die golddurchwirkten Platten verkeilt, man weiß ja nie, kann man vielleicht irgendwann gebrauchen.
Ganz umsonst gab es die alte schöne Kiste dann also doch nicht, denn Computer und Hermann bildeten eine Einheit, ein Bundle, und bevor wir in irgendeiner Weise hätten reklamieren können, hielten wir schon Hermann in der Hand. „Hier!“ - „Glücksbrot!“ - „Er heißt Hermann“ - „Er braucht Pflege!“ - „Ach da hinten ist übrigens der Computer.“ Irgendwie gibt es immer einen Haken, nie ist die Medaille so rund, dass sie keine zweite Seite hat, denn sonst wäre sie ja eine Kugel.

Glücksbrot, dachte ich, aha, heute ist also unser aller Glückstag. Ich hab wieder einen Computer und Hermann hat wieder eine Heimat. Logisch hätte ich auch die Bemerkung gefunden: „dieser Computer läuft nur mit Hermann.“ „Was ist das für ein Betriebssystem?“ „Das ist kein Betriebssystem, das ist ein Kuchenteig.“ „Ein Kuchenteig?“ „Ja, ein lebendiger Kuchenteig.“ „Lebendig?“ „Ja, und er wächst.“ „Und was war das mit dem laufen, äh, kann er wirklich laufen?“ „Kann sein, aber bevor er so weit ist, muß man ihn backen.“ „Man muß ihn backen?“ „Ja, sonst wird es zu viel Hermann, man schöpft eine Tasse ab und bäckt den Rest.“ „Und den Rest gibt man weiter?“ „Korrekt. An Freunde und..“ „Feinde.“ „Ja warum nicht, es heißt auch Vatikanbrot oder Glücksbrot. Er bringt Glück.“ „Also ein katholischer Kettenbrief?“ „Ja, aber die Mormonen machen wohl auch so was Ähnliches.“ „Und man gibt immer einen Teil weiter? Das ist ja interessant, äh und jetzt?“ „Sag erstmal: Hallo Hermann!“ „Hallo Hermann!“ „Er darf nicht zu kalt stehen, und nicht luftdicht. Ihr müsst ihn füttern und ab und zu rühren.“ „Wir müssen ihn füttern?“ „Ja, Mehl und so.“ „Und er wächst?“ „Ja, er wächst.“ „Ist er hungrig, kannst du das erkennen?“ „Er hat feste Malzeiten, ich maile euch die Fütteranleitung, okay?“ „Okay.“

Seitdem haben wir Hermann. Wir füttern ihn, wenn er gefüttert werden muß und wir rühren ihn, wenn er gerührt werden muß. Er wächst. Wenn er wächst, wirft er kleine Blasen, er rumort und wölbt sich. Ein bisschen so, als würde er atmen.

Die kleine Plastikschale, das Weidenkörbchen unseres kleinen Hermanns war schon nach zwei Tagen zu eng für das wackere Kerlchen, jetzt hat er schon die größte vorhandene Schüssel ausgefüllt. Hermann wird immer größer, nachher muß ich ihn wieder rühren. Wer hätte gedacht, dass Frau Ingenieurin und ich so schnell zu Nachwuchs kommen – wenn es auch ein blasser Blob oder Brei in einer Schüssel ist, ein Kuchenteig aus einer anderen Welt, später ein richtiger Hermann der Kuchen oder Hermann das Brot wie Bernd das Brot. Überlege schon, seine Entwicklung zu filmen, aber das nimmt er mir später mal übel, wenn er als Halbstarker die Videos auf YouTube findet.

Gestern kamen die ersten Fruchtfliegen und setzen sich auf den überraschten Hermann. Wir prügelten ihnen die Facettenaugen blau und haben Hermann mit einem Tuch abgedeckt, unter dem er in Ruhe schlafen und wachsen kann. An den Fenster drängen außerdem hunderte Marienkäfer in die Wohnung, eine Plage heißt es, aber ich kenne da schlimmere. Nur eine Blattlaus will ich gerade nicht sein: Blattlaus im Herbst ist sowieso nicht schön, außerdem pflegen die Jungfernzeugung.

In ein paar Tagen sollten wir Hermann den Cherusker backen, aber ich bin sehr unsicher, ob wir es übers Herz bringen. Wenn er weiter so wächst, kann er in einem Monat vielleicht mein Zimmer hinten haben, das kleine vorläufig. Ich räum auch das ganze Altedelmetall raus und sauge mal in den Ecken. Ich tu doch alles für meinen kleinen Kuchenteig, außerdem wissen wir alle nicht, ob die Welt nach dem Zusammenbruch der Finanztürme morgen noch steht oder wir alle in die Wildnis fliehen müssen. Der Plan steht: Wir packen dann einen Rucksack mit Mehl und Milch, nehmen unseren Hermann in die Mitte in einer großen Schüssel mit Griffen und bauen die Zivilisation von ganz unten wieder auf, in Koexistenz von Mensch und Hefeteig.

Bis es soweit ist, überlege ich schon mal, wem man die ein oder andere Tasse davon vorbeibringen kann, damit unsere Hermann-DNA gestreut wird. Nachher muß ich ihn wieder umrühren, morgen ist dann Füttertag – so ein Teig hält einen beschäftigt. Ein süßer Kuchen, aber auch ähnlich wie ein Brot wird er, wenn wir ihn schließlich in den heißen Ofen schieben. Als Glücksbrot soll man ihn nur einmal im Leben backen, ich sage mal so, das reicht dann eigentlich auch.